Tag 1 – der 10. März

Eine Mischnung aus Erleichterung und die bittere Erkenntnis, dass der befürchtete Ausbruch tatsächlich stattfindet und sich nicht abwenden wird lassen. Nicht dass man das ernsthaft hätte hoffen können, doch man will es nicht glauben. Ich wollte es nicht glauben, das ersteckt sich über mehrere Stufen des Realisierens scheint mir: Man liest schon Wochen lang von dem was kommt, es kommt näher, aber man liest die Meldungen mit einer gewissen Distanz. Vor drei Wochen habe ich bereits eine Wette mit meiner Freundin abgeschlossen, dass wir es noch vor Ostern erleben werden, dass auch bei uns die Universitäten geschlossen werden. Damals war das aufgrund der Maßnahmen, die in den ersten Ländern ergriffen wurden. Diese Maßnahmen waren immer ungefähr die gleichen und ungefähr zur selben Zeit nach Ausbruch des Corona Virus. Die Wette war aber mehr im Scherz gedacht, eher als hypotetische Annahme, im Sinne von: wenn das kommt, dann …
In Italien waren die vergangenen Tage immer weiter steigende Zahlen von Infizierten vermeldet worden. In Deutschland begann der Viruloge Dr. Christian Drosten der Charité in Berlin seinen Podcast und er mahnte von Beginn an das Virus ernst zu nehmen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Dennoch. man glaubt es erst wenn es so weit ist und das quasi offiziell verkündet wird. In der ZIB 2 wurde am 9. März um 22.00 Uhr verkündet, dass ganz Italien zur Sperrzone erklärt wurde. Bis dahin war bereits die Lombardei eine Sperrzone mit strikten Ausgangssperren und geschlossenen Einrichtungen. Gefängnisaufständen inklusive. Die Stimmung auf Twitter war bis am Vormittag noch betont ausgelassen, im persönlichen Umfeld wurden noch Witze gemacht und man ließ sich eher mit der Biermarke in Verbindung bringen als mit Bedenken zum Virus.

Die Meldung aus Italien war wie ein lauter Weckruf, der einen unsanft aus dem Dämmerschlaf reisst. Wenn die Alles sperren, gibt es zweifellos ein Problem, das man sehr dringend sehr ernst nehmen sollte! Die Stimmung fasst Walter Gröbchen auf Twitter so zusammen:

Gegen Mittag am 10 März gab es eine Pressekonferenz und die ersten Maßnahmen wurden verkündet. Ab kommenden Montag sollten die Universitäten und Fachhochschulen geschlossen werden. Die Umsetzung sei in Vorbereitung. Ich war zu der Zeit am FH Campus Wien, wo ich Logopädie studiere. Wir haben die Nachricht während eines laufenden praktischen Unterrichts bekommen, in welchem wir unter anderm Hygienemaßnahmen durchbesprochen und praktisch erlent haben. Unsere Vortragende war aufgrund ihres Tätigkeitsbereichs an der FH bereits eingebunden und deshalb vorab informiert. Die Geschwindigkeit und der Umfang der Schließungen schien sie allerdings zu überraschen.

Unter den Studierenden, wir sind 21 in unserem Jahrgang, herrschte Aufregung und viele Fragen standen im Raum. Wir stehen unmittelbar vor Praktika, welche wir in den kommenden Wochen in Krankenanstalten, Reha Einrichtungen und Pflegeheimen antreten würden. Ob es dazu kommt steht derzeit noch nicht fest. Werden wir unser Semester abschließen können, können Prüfungen stattfinden? Die Fragen drehen sich großteils um Organisatorisches. Für einzelne kommt die Meldung sehr überraschend, sie sehen das noch als Hysterie und übertrieben an.

Jetzt ist es fix. Wir bekommen Corona, als Land, Als Kontinent, Global. Die Statements von Kanzler und Gesundheitsminister sind klar. Die Maßnahmen sind so konkret und umfassend, dass es keinen Zweifel gibt, dass diese Herausforderung ernst genommen wird, dass sie oberste Priorität haben und dass es ab jetzt gilt das gemeinsam zu bewältigen.

Mit meiner achtjährigen Tochter habe ich bereits am Wochenende über die Möglichkeiten solcher Szenarien gesprochen. Sie sieht es als zusätzliche Ferienzeit in denen sie nachholen kann wozu sie sonst nie Zeit hat. Sie möchte den Großteil ihrer „Ferien“ bei den Großeltern verbringen. Sie möchte den Garten umgraben und den Hasen ein neues Gehege bauen. Es gäbe viel zu tun. Ich bin unsicher ob das gehen wird, meine Eltern sind in dem Alter, das als besonders gefährdet gilt, zwar nehmen sie sich bereits seit einigen Tagen besonder in Acht, verfolgen die Berichterstattung und wir besprechen die Entwicklungen täglich, aber ich möchte sie nicht einem Risiko aussetzen indem ihr Enkelkind zu ihnen kommt. Wir überlegen uns gerade Möglichkeiten wie das funktionieren könnte. Wir würden sie lieber im Garten spielen lassen als in der Wohnung, aber können wir das verantworten?

Meine Tochter hat Nachrichten gehört, ihre Trauer wegen der Aussicht auf Ferien hält sich scheinbar in Grenzen.

Am Heimweg von der Fachhochschule war ich noch einkaufen. Ich habe Sachen gekauft die wir schon länger brauchten. Wir haben eigentlich keine Vorräte, also habe ich mir vorgenommen einfach das zu kaufen das wir sonst auch immer besorgen. Ich besorgte ein Waschmittel, Salz und Dinge die uns gerade ausgegangen waren. Weiters Kaffee, Neo Citran und Nureflex. Die kommenden Tage werde ich schauen was wir alles daheim haben. Obst für Obstsalat, auf den freue ich mich schon.

Während ich koche kommt eine Email aus dem Rektorat der FH Campus Wien. Obwohl die Unis bis spätestens Montag alle geschlossen werden sollten, wird uns nun mitgeteilt, dass bereits am kommenden Tag die gesamte FH für Studierende geschlossen bleiben soll. Es scheint jetzt doch alles rasch zu gehen und auch die letzten von uns die noch nicht recht daran glauben konnten, begreifen jetzt wie real Corona gerade wird.

Nachricht der Direktion des FH Campus Wien. Die FH ist somit geschlossen.

Kanzler Kurz und Gesundheitsminister Anschober sind in den Abendsendungen zu sehen und sprechen abermals sehr klare Worte und kündigen weiter Schritte an. Schulen sollen in den kommenden Tagen ebenfalls geschlossen werden. Es werde noch der passende Zeitpunkt abgewartet, aber es scheint eher eine Frage der Zeit zu sein.

Es passiert was als Szenario eigentlich seit einiger schon unvermeidbar schien. Ich Twitter, folge Podcasts und informiere mich über die Seiten der WHO, aber das Gefühl ist jetzt ein anderes. Plötzlich sind wir mitten drin. Von Beobachtern werden wir jetzt zu betroffenen. So etwas habe ich noch nie erlebt, die wenigsten vermutlich. Es gibt keine Probe, jetzt muss alles funktionieren, egal ob wir so weit sind – Das Stück läuft schon.

10 März:

Erleichterung, weil klar ist, dass man Corona entsprechend ernst nimmt, Beklemmend, weil klar ist, dass der Zeitpunkt wirklich gekommen ist.

Stand bestätigter Coronafälle: 182

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