Tag 6 – 15 März, Sonntag

Ein wunderschöner sonniger Tag beginnt, alles ist ruhig, ich gehe gleich früh am Morgen mit Johanna eine kleine Runde laufen. Es hat etwas sehr unwirkliches: wir laufen durch die Straßen, es ist ein wundervoller, für die Jahreszeit eigentlich recht waremer, Frühlingstag (noch nicht einmal) und über der Stadt, über dem Land und über der ganzen Welt breitet sich ganz lautlos eine Pandemie aus. Eine der vielleicht größten weltweiten Krisen die man sich vorstellen kann findet genau in diesem Moment gerade statt und nimmt seinen Lauf. Der Ausgang ist noch unbekannt, in China sollen die Neuerkrankungen zwar zurückgehen, Christian Drosten warnt aber davor, dass uns Corona bis weit in den Sommer hinein begleiten könnte, eventuell sogar darüber hinaus.

Nach dem Laufen trinken wir Kaffe und hören die Sondersitzung des Parlaments. Es ist sehr beeindruckend wie rasch die benötigten Gesetze jetzt beschlossen und umgesetzt werden. Alle! Parteien tragen die Maßnahmen mit und es gibt (derzeit) keine politischen Auseinandersetzungen unter den Parteien. Das ist sehr positiv, in anderen Ländern sind die Maßnahmen aufgrund der explosionsartigen Ausbreitung ohne gesetzliche Rahmenbedingungen und lösen zusätzliche Verunsicherung aus (Italien), in anderen Ländern gibt es zu Corona auch noch ungelöste Probleme die weiter bestehen (Gelbwestenproteste in Frankreich inklusive Zusammenstößen mit der Polizei). Andere Länder haben das Pech sich mit ihren inkompetenten Präsidenten/Premiers herumschlagen zu müssen (USA & UK).

In Italien sind die Zahlen schwindelerregend und die Bilder verheerend. Ein Bericht der Welt.de geht viral, der auf ganz tragische Weise deutlich macht wie die Situation in Italien ist. Wir hoffen, dass es uns nicht so hart treffen wird (schwer auszuhalten das zu lesen). Weiterhin gibt es große Kritik daran weshalb so wenig getestet wird. Eine klare Ansage wäre diesbezüglich endlich wünschenswert. Gibt es keine Kapazitäten, ist es ohnehin längst egal, will man es nicht zu genau wissen? Generell scheint es, dass die Bevölkerung alle Maßnahmen gut und ruhig mitträgt, so lange sie klar und offen kommuniziert werden.

Wir haben eine Sondersitzung am Sonntag! Alle Gesetze werden durchgewunken, der Kanzler verschärft die Maßnahmen wieder und kündigt an nun doch ab Montag bereits alle Bars usw. schließen zu wollen. Keine große Überraschung, die Meldung dass sie bis 15.00 Uhr geöffnet bleiben dürften, diente wohl eher dafür sich mit der Maßnahme anfreunden zu können. Bei genauerer Betrachtung hätte diese Maßnahme so keinen Sinn gemacht, ich bin ganz froh dass nun klargestellt wurde, das schafft deutlich mehr Vertrauen und ist konsequenter. Außerdem werden Spielplätze und Sportplätze geschlossen, wenn Vereine dennoch Sportveranatltungen machen werden ihnen Fördermittel gestrichen.

UND: die vielleicht einschneidenste Maßnahme (die auch relativ früh kommt wie ich finde) alle Zivildiener die in den letzten fünf Jahren Zivildienst geleistet haben werden eingezogen, die Miliz ebenso! Generell finden viele Politiker sehr klare Worte und mahnen über die Partegrenzen hinweg Selbstisolation ein. #socialdistancing to #flattenthecurve

Im Anschluss ist Sebastian Kurz bei Pötzelsberger, der wieder das Gesicht der nächsten krise zu sein scheint, und spricht die getroffenen Gesetzesänderungen noch einmal in aller Deutlichkeit an. Es wird sehr bedrückend. Ausgangssperren, die Polizei die künftig jeden kontrollieren darf, keine Gruppenbildungen mehr. Es herrscht absoluter Ausnahmezustand. Die Berichterstattung macht klar, dass die Lage ernst ist. Die Reden aus dem Parlament haben sich geglichen, alle unterstützen die Maßnahmen und alle scheinen betroffen und sehr bei der Sache. Auch angespannt wirken alle.

Das Bundesheer hilft dem Lebensmittelhandel bei der Logistik, auch hier gibt es Berichterstattung über die Bemühungen die Versorgungssicherheit gewähren zu können. Die Lager sind gut gefüllt, man solle nicht hamstern, versuchen die Moderatoren zu beruhigen.

Ein Anästhesist in Salzburg hat sich in Ischgl iniziert und bereits mehrere Tage seinen Dienst wieder versehen. Er hatte Kontakt mit Patient*innen aus der Neonatologie und mit erkrankten aus der Onkologie. Mehrer Patient*innen wurden möglicherweise infiziert. Bis zu hundert Arztkollegen sollen in Quarantäne sein. Der ärztliche Leiter Primar Richard Kreil, der in der Pressekonferenz spricht, ist sichtlich und hörbar betroffen, informiert sehr sachlich. Es ist unerträglich seinen Ausführungen zuzuhören.

Die Informationen sind so drastisch und viel. Ich kann das nicht realisieren alles. Wir reden zuhause darüber und sind geplättet. Das ist nicht wirklich und dennoch echt.

Fast wie eine Erlösung gab es um 18:00 ein Konzert aus einem der Fenster unter uns. Ein Nachbar spielte eine Viertel Stunde und eröffnete somit die Corona Liederabende. Auf Instagram streamte der blonde Engel ein live Video, Mavi Phoenix hab ich auch kurz gesehen. Es ist alles eine Mischung aus Leere und Ungewissheit, aber auch irgendwie aus Aufbruch und Zusammenhalt. Ich empfinde eine gewisse Traurigkeit, jedenfalls ist es berührend und lässt einen nachdenklich werden.

Fassungslosigkeit ist wieder da.

Stand bestätigter Coronafälle: 860

Ich traue mich die Dunkelziffer nicht einmal anzudenken.

Generell will ich festhalten, dass die Experten die befragt werden sehr fachlich und ruhig agieren. Si erwecken großes Vertrauen, strahlen Menschlichkeit aus und können ihre Betroffenheit aber auch nicht verbergen!

Tag 5 – 14. März

Der Tag beginnt mit einem wunderschönen Sonnenaufgang und ich trinke meinen Kaffe am Balkon.

Testungen sind in den sozialen Medien wieder ein Thema. Immer noch wird nach dem alten Schema getetste. Nur Menschen mit akuter Symptomatik und mit direktem Kontakt oder wenn sie in einem betroffenen Gebiet waren (gerade das erscheint derzeit merkwürdig, da bereits eine reisewarnung für die ganze Welt! ausgegeben wurde) werden auf Corona getestet. Ich lese häufig, dass andere Länder deutlich mehr testen würden (Schweiz, Südkorea) und dass ein SARS-COV-2 Test verfügbar sein soll, der raschere Testungen ermöglichen soll. Stand Samstag früh an Corona positiv getester Personen: 602

Mit Marylyn Addo spricht endlich eine Frau statt dem nach wie vor sehr empfehlenswerten Christian Drosten darüber wie es mit der Impfforschung steht. Sie rechnet mit etwa einem Jahr.

In Ischgl sollen sich mehr als 130 Dänen mit Corona infiziert haben, Island warnte bereits am 5.3.20! vor Ischgl als Reiseziel, gestern wurde es offiziell unter Quarantäne gestellt. Anscheinend gab es sogar Coronapartys in einer bekannten Bar.

Ich besorge mir neue Laufschuhe und möchte die nächste Wochen nutzen etwas fit zu werden. Vor dem Geschäft warten mehrere Leute ganz selbstverständlich draussen und werden nacheinander aufgerufen. Kein Murren und auch kein großes Erklären ist notwendig.

Einzelne Unternehmen wie die Möbelkette XXXLutz schreiben heute! noch Mitteilungen an die Mitarbeiter, dass diese am Montag in der Arbeit zu erscheinen haben. Sie geben als Begründung an, dass die arbeitsrechtliche Situation noch nicht gänzlich geklärt sei (die Gesetze hierzu sollen Samstag und Sonntag in Sondersitzungen beschlossen werden). Ich habe dafür wenig Verständnis, auch Cateringfirmen, Hotels und ähnliches wollen im großen Stil Mitarbeiter abbauen. Sehr solidarische Verhalten liebes DO & Co, wieviele Millionen Gewinn macht ihr nochmal pro Jahr? Die Regierung will Haftungen übernehmen und überlegt weitere Maßnahmen diesbezüglich, hoffentlich kann das solche Unternehmen überzeugen die Mitarbeiter nicht zu kündigen.

Zu etwas schönem: In Italien singen Menschen in Quarantäne von den Balkonen, das und die Frage welches Lied wir singen sollten bewegt Twitter heute besonders stark.

Immer wieder sieht man verärgerte Postings von überfüllten Einkaufsstraßen, von Menschen die in Kaffehäusern und vor Restaurants sitzen. Die Ernsthaftigkeit der Lage ist vielen noch nicht bewusst wie es scheint. Immer vehementer mahnen Politiker genau diese Ernsthaftigkeit aber ein. Sehr eindringlich die Rede von Kanzler Kurz in einer weiteren Zib Spezial um 20:15. Diese Sondersendungen werden schon zur Routine, der ORF, aber auch die Privaten wie Puls 24 übertragen fast rund um die Uhr Parlamentssitzungen, Sondersendungen, Infos. Eh wichtig, viele glauben es erst wenn sie es im Fernsehen gesehen haben (vor allem Ältere).

Abends gibt es eine weitere Sondersendung der Zeit im Bild: Kurz ist so deutlich wie noch nie. Er spricht davon dass Menschen sterben werden. Ein beklemmendes Gefühl das diese Worte auslösen. Jetzt ist es raus.

Er spricht weiter von Lazaretten und ich habe sofort die Bilder aus Italien im Kopf: dutzende Menschen, auf Feldbetten liegend, mit blauen Decken halsabwärts zugedeckt. Sie werden von Ärzten in ganzkörper Schutzausrüstungen betreut und werden abgesondert in Lagerhallen versorgt.

Wir essen Gemüsewraps.

Stand bestätigter Coronafälle: 655